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wirtschafts-news, juli 09

David in der Mitte

Wie der Landeswettbewerb „Ab in die Mitte“ hilft, die Wiesbadener City zu vitalisieren

Shopping-Malls saugen dem Einzelhandel die Kundschaft ab und stehen überdies als amerikanischer Import unter dem Generalverdacht, die sozialen und kulturellen Strukturen unserer Gesellschaft zu unterminieren. Und den großen Ketten stehen private Einzelhändler sowieso gegenüber wie David dem Goliath – allerdings erfolgslos. Egal, ob Sie als Leser jetzt zustimmend nicken oder den Kopf über so viel Kulturpessimismus schütteln: Fakt ist, dass viele Innenstädte veröden. Wo auch immer die Gründe liegen: Entweder man überlässt die Kunden kampflos den Einkaufstempeln in der Peripherie oder man lockt sie zurück in die Stadtmitte. Wie das gelingen könnte, zeigen Christian Bürger und Saskia Wendel, die diesjährigen Wiesbadener Gewinner des Landeswettbewerbs „Ab in die Mitte – Die Innenstadt-Offensive Hessen 2009“.

Wie der Kunde jederzeit die Wahl hat, wo er sein Geld lässt, so sind auch die Geschäftsinhaber in der Stadtmitte gefragt, Flagge zu zeigen. Deshalb ist die Aktion, die seit sieben Jahren in Hessen als Gemeinschaftsprojekt auf Landesebene läuft, als Wettbewerb konzipiert. Waren jedoch in den Jahren zuvor ausschließlich die Kommunen aufgefordert, ein Konzept einzureichen, so konnten sich in diesem Jahr erstmals auch private Initiativen – im Einvernehmen mit ihrer jeweiligen Kommune – beteiligen. Die Sieger stehen bereits seit Februar fest und die Resonanz seitens privater Initiativen zeigte, dass Geschäftsleute und Verbände die Werbung für ihren Standort keineswegs mehr den Städten alleine überlassen wollen. Zusammen mit 19 Kommunen wetteiferten in diesem Jahr sechs private Initiativen um das Preisgeld in Höhe von 160.000 Euro, das sich letztlich 16 Preisträger teilten. Der Kreativität der Wettbewerbsteilnehmer waren dabei keine Grenzen gesetzt: Jede Idee, die dazu beiträgt, die Geschäftsviertel zu vitalisieren, die jeweiligen Stärken zu transportieren und der Innenstadt ein unverwechselbares Gesicht zu geben, war erwünscht. Alles in allem die perfekte Ausgangsbasis für Christian Bürger, der ohnehin die Verwischung von Grenzen zu seinem Geschäftscredo erhoben hat.

Schön, professionell – aber schräg

Was in der Theorie diffus klingen mag, zeigt in der Praxis Hand und Fuß – oder besser gesagt Schere und Klamotte. Als Friseurmeister machte sich der gebürtige Pfälzer vor fünf Jahren mit einem eigenen Laden selbstständig. Das ist erstmal nicht ungewöhnlich; das Konzept des Geschäftes war es indes schon – zumindest für Wiesbadener Verhältnisse. Denn anstatt allein auf den Kopf seiner
Kunden zu schauen, nimmt Bürger deren gesamten Lebensstil ins Visier: In seinem Kombinationsladen „schönschräg“ gibt es nicht nur handwerklich astreine Haarschnitte, sondern auch Mode von jungen Designern und Accessoires von kleinen Labels, die gezielt gegen den Mainstream arbeiten möchten. Die Idee dazu hat Bürger aus Berlin mitgebracht, wo es derartige Geschäfte schon länger gibt. Die Hauptstadt, in der er als Geschäftsführer in einem größeren Salon arbeitete, war zugleich auch die letzte Station seiner „Wanderjahre“, die ihm dazu dienten, sein Handwerk nach der Ausbildung zu festigen. Dass es sich beim Friseurberuf um ein Handwerk handelt, betont der 31-Jährige
immer wieder. So schneiden er und seine fünf Mitarbeiter keinesfalls nur schräge Frisuren – wie es der Geschäftsname vermuten lassen könnte. Vom Banker über die Hausfrau bis hin zum trendbewussten Nachtschwärmer: Jeder bekommt hier den passenden Haarschnitt verpasst. Schön sind also die Haare und die Klamotten; das Konzept des Ladens ist im Vergleich zu den Wettbewerbern jedoch zweifellos „schräg“ – funktioniert aber bereits seit fünf Jahren.

Lokale Helden²

Klamotte, Schnitt und Accessoire reichten dem Team von „schönschräg“ allerdings nicht. Der Bogen sollte weiter gespannt werden. Zusammen mit Saskia Wendel, Inhaberin der Mainzer Agentur „Saskia Wendel Events“, entstand die Idee, den Friseurladen zu einer Begegnungsplattform zu erweitern. Als Basis diente dafür eine Art Flohmarkt der Extraklasse: Im November vergangenen Jahres wurde der gesamte Friseurladen nach Feierabend ausgeräumt, um Platz für Geschäftstreibende, Labels und Künstler aus der Region zu schaffen. Diese konnten das knapp 140 Quadratmeter große „schönschräg“ als Ausstellungsraum nutzen und dort einen ganzen Tag lang ihre Produkte und Ideen unter dem Motto „Lokale Helden“ präsentieren. „Uns ging es vor allem darum, Eigeninitiative zu zeigen und andere mitzureißen“, erläutert Saskia Wendel den Hintergrund des Events. Ein Punkt, der auch für Christian Bürger im Vordergrund steht: „Große Ketten können sich natürlich aufwendige Werbung leisten – bei den Einzelhändlern reicht das Budget dafür oft einfach nicht aus. Wenn man sich zusammentut, lässt sich allerdings eine Menge erreichen“, ist er überzeugt. Das ist auch der Grundgedanke des Konzepts, mit dem sich das Team für „Ab in die Mitte“ beworben hat. „Die Aufforderung zur Teilnahme kam vom Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung. Die sind während der Vorbereitungszeit zu den lokalen Helden auf uns zugekommen und haben gefragt, ob wir das nicht auf breiterer Basis als Konzept für den Landeswettbewerb einreichen wollen“, erzählt Saskia Wendel. So griff der Wettbewerbsbeitrag der beiden, „7x schönschräg – zum 5-Jährigen legen wir noch zwei drauf“, die Basis der Vorgängeraktion auf: In der gesamten ersten Maiwoche öffnete sich das Friseurgeschäft für Künstler, Labels, Musiker und Besucher.

Netzwerke bilden – Synergieeffekte nutzen: 7 x schönschräg

Auch wenn es bei „Ab in die Mitte“ wie bei jedem Wettbewerb nur einen Sieger pro Kommune geben kann – vom „schönschrägen“ Konzept haben letztlich viele Leute profitiert. So startete die Aktionswoche zunächst mit einer Wiederauflage der lokalen Helden. Bei „Lokale Helden 2“ präsentierten sich Frankfurter, Mainzer und Wiesbadener Geschäfte und Labels, Kontakte wurden geknüpft, Geschäftsbeziehungen angeleiert. Lesungen, Yoga, ein Pianoabend sowie ein Auftritt der Mainz-Wiesbadener Band „Absinto Orkestra“, verwandelten den Friseursalon an sechs Abenden nach Feierabend in einen Publikumsmagneten. Die Organisation legte Bürger wie auch bei den „Lokalen Helden“ wieder ganz in die Hände von Saskia Wendel, die sich gerne an die recht arbeitsintensive Zeit zwischen Dezember 2008 und Februar dieses Jahres zurückerinnert. „Das war schon ein hartes Stück Arbeit: So kurzfristig ein Konzept auf die Füße zu stellen, Sponsoren zu gewinnen und gleichzeitig immer einen Plan B für jeden Programmpunkt in der Hinterhand zu halten“, erinnert sich die Agenturinhaberin. Gerade die Jagd nach Sponsoren sei dabei ein nicht unerheblicher Teil der Realisierung des Projektes gewesen: „Es hat funktioniert, aber wir konnten uns vorher nicht vorstellen, wie schwer das ist“, so Bürger. Geklappt hat es dann doch: Die Abschlussparty am 9. Mai mit Livemusik und DJ Patrick Doré wurde beispielsweise von einem Wiesbadener Hotel unterstützt. Bürger und Wendel sind sich jedoch einig, dass sowohl der Gewinn des Wettbewerbes als auch der reibungslose Ablauf des Projektes ein Erfolg von vielen war. „Ein dickes Dankeschön geht insbesondere an die Sponsoren und die Leute in den Behörden und Ministerien, die uns mit viel Elan unterstützt haben“, stellen beide einstimmig fest.

Verantwortung übernehmen

Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen – das scheint demnach ein erfolgversprechendes Konzept zur Belebung der Innenstädte zu sein. Ziel ist es, den Mitbewerber nicht als Konkurrenz zu begreifen, sondern als Mitspieler, der im Ringen um den Kunden zum Partner werden soll. So ist es immer möglich, mit anderen Läden Kooperationen einzugehen, dem Kunden Kombinationsangebote zu unterbreiten – oder einfach gemeinsam an einem individuellen Erscheinungsbild der Stadt zu arbeiten. „Es ist doch so: Wenn irgendwann alle deutschen oder europäischen Innenstädte gleich aussehen, überall die gleichen Geschäfte zu finden sind, dann hat daran doch keiner mehr Spaß“, ist sich Christian Bürger sicher. Außerdem gehe es schließlich auch um Verantwortung, die ein Geschäftsansässiger zu übernehmen habe. „Immer nur nehmen, geht nicht. Man muss seiner Stadt auch etwas zurückgeben“, so der 31-Jährige. Sicher ist dafür nicht immer eine auf Landesebene initiierte Aktion notwendig. Gut finden Wendel und Bürger es dennoch, dass sich der Wettbewerb „Ab in die Mitte“, den es schon seit Jahren in abgewandelter Form vor allem in norddeutschen Bundesländern gibt, auch in Hessen fest etabliert habe. „Schön wäre, wenn andere Länder wie etwa auch Rheinland-Pfalz nachfolgen würden“, fügt Saskia Wendel hinzu. Und bis es soweit ist, können sich Geschäftstreibende, Verbände und Organisationen jederzeit auf eigene Faust zusammenschließen: Mehrere kleine Davids können zusammen Meilensteine setzen.

Redaktion A.W. – Foto: Saskia Wendel Events